Vesper

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Schon beim Got­tes­volk des Alten Bundes war der Vollzug des Got­tes­dien­stes an bestimm­te, fest­ge­setz­te Zeiten gebunden. In der Kirche des Neuen Bundes wurde dies bei­be­hal­ten und fort­ge­führt. Unser ganzes Leben soll ein durch­ge­hen­der Got­tes­dienst sein, gemäß dem Wort des heiligen Apostels Paulus, ‚Betet ohne Unter­lass‘ (1 Thess 5,17). Diese Weisung bezieht sich maß­geb­lich auf das per­sön­li­che Gebet. Darüber hinaus hat „die Heilige Kirche aus dem gleich­mä­ßig dahin­flie­ßen­den Strom der Zeiten nach dem Beispiel des Schöp­fers der Welt, welcher am Früh­mor­gen der Schöp­fung den Sabbat heiligte, bestimm­te Tage und Stunden als Höhe­punk­te des Lebens aus­ge­wählt: So zeich­ne­te sie gewisse Tage des Jahres als Festtage aus, und bediente sich bestimm­ter Stunden des Tages zur Voll­zie­hung des täg­li­chen öffent­li­chen Gottesdienstes.“
(Aleksej Maltzew)

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Der Kreis­lauf des täg­li­chen Got­tes­dien­stes beginnt – entgegen den Gewohn­hei­ten unserer modernen Arbeits­welt – mit der Vesper, dem Abend­ge­bet, gemäß dem Bibel­wort „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ (1 Mose 1,5). Das Stunden- oder Tag­zei­ten­ge­bet (latei­nisch: „Liturgia Horarum“, die Liturgie der Stunden oder Tages­zei­ten) setzt sich zusammen aus den meist nach den Tages­stun­den bezeich­ne­ten Horen: Vesper (Abend­essen zum Abschluss des Tages), Komplet (Voll­endung; das Gebet zur Nacht), Matutin (deutsch: Mette, das Gebet um Mit­ter­nacht), Laudes (Lobgebet am Morgen), Prim (Werk­ge­bet, Gebet zur ersten Stunde), Terz (Gebet zur dritten Stunde), Sext (Gebet zur sechsten Stunde, etwa 12 Uhr), Non (Gebet zur neunten Stunde, etwa um 15 Uhr). Inhalt­lich umfassen alle Stun­den­ge­be­te Psalmen, Schrift­le­sung, Gesänge (z.B. Hymnen) und bestimm­te Ora­tio­nen. Die Oration, das vom Offi­zi­an­ten laut vor­ge­tra­ge­ne Gebet, ist das formal streng gebaute Abschluss­ge­bet nach gemein­sa­men Gebeten und Gesängen.

Die frühen Christen erwar­te­ten nach dem Tod und der Auf­er­ste­hung Jesu Christi Seine Wie­der­kunft mit der auf­ge­hen­den Mor­gen­son­ne. So ist die Matutin (auch: Vigil, Nacht­wa­che) das nächt­li­che, auf die Sonne wartende Gebet. Über­haupt folgten die Tag­zei­ten­ge­be­te, nament­lich das Morgen- und Abend­ge­bet, ursprüng­lich weit­ge­hend dem natür­li­chen Wechsel der Tages­zei­ten. Sie ori­en­tier­ten sich an der Sonne als Gegen­wart Christi, dem Licht der Welt: Als fei­er­li­ches Mor­gen­lob der Kirche wurden die Laudes (Mehrzahl) ursprüng­lich beim Aufgang der Sonne gesungen. Die Vesper als Abendlob der Kirche zum Abschluss des Tagwerks wurde ursprüng­lich zum Aufgang des Abend­sterns gesungen: Wir danken Gott für den Tag und begrüßen den Abend.

Ein Aspekt des täg­li­chen Stun­de­ge­be­tes ist der rhyth­mi­sche Wechsel, je nach der Zeit des Tages und des Kir­chen­jah­res. Ein anderer, gegen­läu­fi­ger Aspekt ist eine Ver­tie­fung, durch Wie­der­ho­lung des Gleichen: Erst durch die Wie­der­kehr dringt das gesun­ge­ne Got­tes­wort, getragen von gleich­mä­ßi­gen, fest­ge­leg­ten Ton­fol­gen, über­haupt in die tieferen Schich­ten der mensch­li­chen Seele ein, die ein rein ratio­na­ler, kogni­ti­ver Zugang selten erreicht. „Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmög­lich ist, zu schwei­gen.“ Was Victor Hugo über die Musik im All­ge­mei­nen schrieb, gilt in beson­de­rer Weise für das geist­li­che Singen:

Im anbe­ten­den Stehen vor dem all­mäch­ti­gen Gott begegnet fast jeder irgend­wann der umwer­fen­den und atem­be­rau­ben­den Wirk­lich­keit, die jede Fas­sungs­kraft sprengt. „Wer von der Wucht der Liebe erfasst wird“, schreibt Ber­nar­din Schel­len­ber­ger, „neigt spontan dazu, vom Reden in Prosa zum Singen über­zu­ge­hen“. Kurz: „Wer liebt, der singt!“ (St. Augu­sti­nus) „Wer singt und zum Poeten wird, will nicht begrei­fen, sondern feiern und ver­ko­sten. Du dis­ku­tierst dann nicht über Got­tes­vor­stel­lun­gen, sondern singst in Bildern von Gott und weißt, dass sie … wahr sind.“ (Ber­nar­din Schellenberger)

Die ihr nun wollet bei Ihm sein,
kommt, geht zu Seinen Toren ein
mit Loben durch der Psalmen Klang,
zu Seinem Vorhof mit Gesang.

Dankt unserm Gott, lob­sin­get Ihm,
rühmt Seinen Namen mit lauter Stimm;
lobsingt und danket allesamt.
Gott loben, das ist unser Amt.

EG 288, Nun jauchzt dem Herren, alle Welt,
Text: Cor­ne­li­us Becker, 1602), Strophe 4 und 5

Br. Barnabas